Der Puppenfriedhof

⚠️Triggerwarnung: Diese Kurzgeschichte ist Micro-Horror und enthält düstere Motive wie Tod, Friedhof, Friedhofsatmosphäre, Unheimliches. Wenn dich solche Inhalte belasten, lies bitte nicht weiter.

 

Ein schriller Schrei zerreißt die kühle, feuchte Todesstille des schlafenden Friedhofs. 
Schwere, dichte Nebelschwaden ziehen sich über den schmalen, moosigen Wegen wie fauliges Atemkondensat. 

Ein pechschwarzer Rabe sitzt reglos auf einem verwitterten Kreuz. Sein Auge ist glasig. Uralt. 
Er beobachtet jede ihrer Tränen, als wären sie ihm versprochen.

Ihre dunkle, schlanke Gestalt gleitet zwischen den Grabsteinen hindurch. Der lange, schwarze Mantel streift über nasse Erde – leise, wie ein Leichentuch.

Überall ragen Kreuze aus dem Nebel. Schimmelüberzogen. Schief auf den einsamen Gräbern. Wie verfaulte Finger, die sich aus dem Boden graben wollen. Sie stehen dicht an dicht wie ein Wald, der sich in den Himmel bohrt.

Bald erreicht sie ihr Ziel.

Zehn Jahre. Genau zehn Jahre seit seinem geheimnisvollen Tod.
Zehn Jahre, in denen sie jeden Morgen sein Grab besucht hat.
Immer derselbe Weg. Immer dieselbe Kälte. Immer derselbe Grabstein. 
Und immer dieselbe Leere.

Doch heute… ist etwas anders. 
Sie tritt an sein Grab – und erstarrt.

Das Grab ist nicht leer. 
Da sitzt etwas. Zwischen dem wuchernden Unkraut.

Eine alte Puppe. 
Der Körper verdreckt. Das Gesicht verschmiert, als hätte man es durch nassen Lehm gezogen. Ein Auge fehlt. Das andere glänzt feucht im Dämmerlicht.

Sie erkennt sie sofort. 
Am Tag, als ihr Mann starb, unerwartet und mysteriös, saß diese Puppe auf der Terrasse. Damals, zwischen Schock und Trauer, hatte sie sie kaum wahrgenommen.
Ein belangloser Gegenstand. Ein Zufall. Ein Drecksding.

Jetzt weiß sie es besser. 
Ihr Magen zieht sich zusammen. Ein eiskalter Schauer läuft ihr über den Rücken.

Die Puppe bewegt sich. Langsam. Ruckartig. 
Mit einem kreischenden, quietschenden Geräusch dreht sie den Kopf. Geradewegs zu ihr.

Dann öffnen sich die verblassten roten Lippen.
Und aus ihnen kriecht ein Flüstern, dünn wie Moder:

„Du… bist… die... Nächste.“

Am nächsten Tag hebt sich ein neues, steinernes Kreuz aus den Nebelschwaden am Puppenfriedhof.

Und auf dem frischen Grab sitzt reglos eine Puppe.
Mit schmutzigem Gesicht. Und einem kaputten Auge.

Und der Rabe lacht.
 

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